Das Interview wurde kurz vor Otto Schenk’s 90-er geführt. Lieber Herr Schenk, Ihr 90. Geburtstag findet in Kürze statt. Sie waren vor Corona noch sehr aktiv bei Lesungen und auf der Bühne, im Kirschgarten im Theater in der Josefstadt. Freuen sie sich auf diesen Geburtstag?

Nein. Absolut nicht. Ich freu mich nicht. Es ist wie in Hammerschlag auf eine Glocke, die schon ein bisschen „verschermt“ klingt. Die schon ein bisschen brüchig klingt.

Na, das Brüchige merkt man auf der Bühne und bei den Lesungen aber überhaupt nicht.

Nein. Wenn man das sehr oder nur etwas merken würde, dort wo es nicht hingehört, würde ich sofort damit aufhören.


Welche von Ihren vielen Berufen, Sie sind ja Regisseur, einer der weltweit erfolgreichsten Opernregisseure, waren Theaterdirektor, Schauspieler, Vortragender, aber auch Autor von acht Büchern Was war Ihnen der liebste Beruf?

Ich habe immer das am liebsten gemacht, was ich gerade nicht gemacht habe. Ich habe immer eine Sehnsucht als Regisseur zum Schauspielen gehabt und als Schauspieler eine Sehnsucht Regie zu führen oder drein zu reden. Als Lesender habe ich überhaupt das Gefühl, mich mit dem Publikum zu vereinen. Also der Meinung des Publikums zu sein. Und da raus zu horchen was die gerne hören. Dieses Interesse ironisch zu bedienen, das Publikum ist ja masochistisch veranlagt. Sadomasochistisch möchte ich fast sagen. Und ich habe eigentlich immer die Wirklichkeit verfolgt und bedient. Und es war immer der nächste Satz, den ich zu sprechen oder zu lesen hatte, der wichtigste im Leben.

Eine ganz späte, aber sehr erfolgreiche Karriere ist  die des Schriftstellers, beziehungsweise des Buchautors. Acht Bücher sind erschienen, das neunte kommt jetzt. Wie haben Sie das Schreiben entdeckt.

Das haben ja eigentlich Sie entdeckt und mich dazu „verführt“. Ich habe Briefe veröffentlicht, die ich im Laufe meiner Direktionszeit im Theater in der Josefstadt diktiert habe  und dazu einen Text geschrieben. Das war ein erstes Buch.  Das heißt, es gab diese  Briefe und Sie haben mich  dazu ermuntert, daraus ein Buch zu machen. Ich habe alles diktiert in meinem Leben, auch für die darauf folgenden Bücher und  darauf bestanden, dass es ziemlich wörtlich so gedruckt wird. Sie haben mir gesagt, dass  ich nahezu druckreif spreche.

Das  kann ich nur bestätigen. Diese Sitzungen, aus denen die Bücher entstanden sind, waren für mich ein großes Erlebnis, eine Überraschung, wie großartig, wie nuanciert, wie wortreich Sie formulieren und wie großartig Sie die Formulierungen zu Ende bringen. Wenn Sie einen Satz begonnen haben, habe ich mir oft  in Gedanken  ausgemalt wie Sie ihn weiterführen werden. Und es kam immer anders. Eine originelle und überraschende Formulierung.

Ja, ich war immer der Ansicht, dass sehr viele Wege nicht nach Rom führen. Und diese Irrwege haben mich interessiert. Dadurch ist mein Diktat auch so ausufernd und verwirrend manchmal, aber hoffentlich amüsant verwirrend. Die Entdeckung, dass ich schreiben kann war eine Wiederentdeckung nach einem Schauspielerleben, denn ich wollte Schriftsteller werden noch bevor ich Schauspieler werden wollte. Und dann hat mein Schauspielertalent mein Schriftstellertalent total aufgefressen. Konnte kaum mehr Briefe schreiben. Ich habe sie dann auch nicht mehr geschrieben. Ich hab sie alle diktiert der Frau an meiner beruflichen Seite.

Am Theater in der Josefstadt.

Meiner damaligen Sekretärin. So wurde ich verführt zu einem Jugendtalent und schreib daher wahrscheinlich auch ein bisschen kindisch.

Nein, also kindisch kann man das wirklich nicht bezeichnen. Aber umso wichtiger ist es, da ja Theater und Oper ein transitorisches, ein vergängliches  Erlebnis sind, dass es dann die Bücher gibt. Bücher kann man immer wieder neu in die Hand nehmen und sie halten Ihre Gedanken fest über Oper, Musik, zum Schauspiel, zum Humor, über Literatur. Es ist ja in diesen Büchern über alles gesprochen worden.. Wie fing aber alles an… Wie hat ihre Schauspielerkarriere begonnen? Sind sie in einer musischen  Familie aufgewachsen?

Ich bin ein blödelnder Spaßmacher gewesen. In der Schule und in den Kinderjausen und auch in den Onkelsitzungen wurde ich immer aufgefordert irgend jemanden nachzumachen oder irgendwas vorzublödeln. Und war eigentlich Schauspieler bevor ich wusste was das ist. Ins Theater bin ich sehr ungern gegangen. Das hat sich übrigens nicht sehr geändert. Theater war mir peinlich. Ich konnte dieses laute Reden nicht aushalten. Ich habe dann erst  in der Oper Freundschaft geschlossen mit dem Theater. Mir war das Singen viel natürlicher als das unnatürliche laute Sprechen im Burgtheater. Wobei ich dann einige Schauspieler vergöttert habe. Den Werner Krauss und den Josef Meinrad zum Beispiel. Und später den Leopold Rudolf in der Josefstadt. Ich bin  den großen Schauspielern verfallen. Ich würde heute noch gern ins Theater gehen, um große Schauspieler zu sehen. Wenn die sich dann so selbstverständlich bewegen. Wie große Tiere das so meisterhaft können. Schauspieler tun sich ein bisschen schwerer damit.

Es ist ein großer Trost, dass es  immer noch große Schauspieler gibt. Im Theater in der Josefstadt zum Beispiel, wo sie ja noch immer auftreten. Die trösten einen dann über manches Regietheater hinweg. Was halten sie vom Regietheater?

Ich verstehe nicht, warum gerade das übernatürliche oder anders spielende Theater sich als Regietheater bezeichnet. Wenn einer auf die Bühne geht und einen Witz erzählt, ist ja auch  schon Regie dabei. Selbstregie. Selbstregie ist die wichtigste Regie, die ein Schauspieler erlernen muss, dass er sich selbst so weit hat, dass der Regisseur etwas damit anfangen kann.Manchmal ohne dass ihm noch was dazu einfällt.

So kam es ja, glaube ich, dazu, dass sie zum Regisseur wurden, weil nicht alle Schauspieler die Selbstregie beherrschen und dann gerne ihre Hilfe angenommen haben.

Ja ich bin vom dreinredenden Schauspieler zum Regisseur geworden. Ernannt worden würde ich sagen. Ich wusste gar nicht, was ein Regisseur ist. Ich weiß es bis heute nicht genau.

Sie sind also nach wie vor der Schauspieler auch wenn sie Regie führen. Das bleibt in ihrem Kopf?

Der helfende Schauspieler, der an den Schauspieler glaubt und der dem Schauspieler Glaubhaftigkeit beibringen will. Und über diese Glaubhaftigkeit wird das Stück erzählt. Dass man glaubt, was die reden und glaubt, dass es von ihnen ist und nicht von einem anderen, der es geschrieben hat.

Wie hat Ihre Schauspielerlaufbahn  begonnen? Sie haben eine Aufnahmeprüfung ins Reinhardtseminar gemacht und…

Ich wusste zunächst nicht,  was ich werden will. Wollte eigentlich, wie gesagt, etwas Schreibendes werden. Habe aber lange nicht genug gut oder nicht schnell genug  geschrieben für mein Hirn. Mein Hirn war schneller als meine faule Hand. Und da war ich verliebt in ein Mädchen, Maria Urban war das damals. Und die war ganz sicher, dass sie Schauspielerin werden will. Sie kam aus einer Schauspielerfamilie, da war es natürlich klarer. Ein bißchen hatte ich schon gespielt in… in der Urania, nicht Kindertheater, aber Theater der Jugend war das damals. Einige Vorstellungen. Mit Erfolg und dann habe ich gedacht, warum mache ich das nicht weiter… Und habe meinen Vater gefragt, weil ich ja eigentlich schon Jus inskribiert hatte, weil wir in der Familie einen sicheren Beruf haben wollten.

Ihr Vater war Jurist.

Ja, er war zwar nicht gern Jurist, aber ein sehr guter Jurist, ein sehr gescheiter und auch sehr komödiantischer Jurist. Ich habe eines Tages zu ihm  gesagt: Du Papa, ich versuch die Aufnahmeprüfung ins Seminar. Sagt er, das ist eine gute Idee, kann ich dir irgendwie helfen, ich kenn den Sowieso. Ich habe aber geantwortet: nein gar nicht, ich will dort ganz normal und als Unbekannter die Aufnahmeprüfung versuchen. Wenn ich durchfalle, lasse ich die Idee fallen und wenn ich darf, werde ich die beides weiter verfolgen. Das wird ein bisschen schwierig, aber mit Jus geht es vielleicht… Ja ja, sagt er, bei Jus brauchst gar nicht  in die Vorlesung gehen, das kann man auch zuhause lernen. Er kannte die Tricks. Und dann habe ich es versucht, habe  die Rollen eigentlich schon gehabt, drei Rollen und habe mit einem wahnsinnigen Kobold, muss ich fast sagen, Ivanschitz hat er geheißen, den Zettel im Sommernachtstraum von Shakespeare einstudiert. Der war selber ein Zettel , ein im Theater Gescheiterter. Auf irgendwelchen seltsamen Nebenbühnen noch auftretend, spielwütig und komödiantisch eine hochinteressante Person, aber fürs Theater nicht mehr verwendbar. Und bei dem habe ich den Zettel einstudiert, hab aber gleich gewusst, so darf ich das nicht wirklich spielen, aber seine  Trieblaune habe ich mir angeeignet. Und hab diese erste Szene geprobt, in der der Zettel alle Rollen, auch den Löwen spielen will , ganz wild mit Händen und Füßen spielend hat er das angelegt aber ich wollte es schon damals als echte Leidenschaft Zettels spielen, währendem der Ivanschitz nur auf die Blödlerwirkung aus war, die mir damals schon peinlich war. Und mit dieser Ladung bin ich ans Seminar geführtworden von meiner Maria Urban, die damals schon ganz selbstbewußt als Schauspielerin aufgetreten ist. Und habe wie eine Wildsau diesen Zettel gespielt, wie eine echte Wildsau. In der Kommission waren damals  die Helene Thimig, der Fred Liewehr, der Alfred Neugebauer, der Nüchtern war Direktor, ein großer wichtiger Mannund  der Schulbauer, ein  ganz wichtiger, von mir sehr verehrter strenger Bursche. Also es saß eine horrible gewaltige Junta da unten. Und vor der habe ich diesen losgelassenen Zettel gespielt. Und denen war vom vielen Vorsprechen schon so fad, dass sie durch mich in eine wahnsinnige Heiterkeit gekommen sind und zum Schluss gab es riesigen Applaus. Es war das erste Mal, dass diese Kommission überhaupt eine Hand gerührt hat. Es war gar nicht zu applaudieren.  Dann haben sie mich noch einmal gerufen, weil sie es einem zuspät kommenden Lehrer, ich weiß gar nicht wer das war, auch noch zeigen wollten. Jedenfalls bin ich durchgekommen. Und habe dann gleich zu große Aufgaben im Seminar bekommen. Den Direktor in „Sechs Personen suchen eine Autor“ von Pirandello. Als Zweitbesetzung, denn ich war ja im ersten Jahrgang. Ich wusste ja gar nicht wie man so etwas spielt. Ich habe es auch gar nicht wirklich können. Am Anfang war ich ganz ungeschickt und habe es über die Ungeschicklichkeit gepackt. Die Ungeschicklichkeit immer verwendet. Ich habe meine Figuren immer ungeschickt gespielt und das war der Weg zu meinem Erfolg, dass ich nicht so gespielt habe wie ein Komiker, sondern so wie ein ungeschickter Mensch, der es komisch gestalten will. Und dann ist diese Premiere auch so gelungen, dass der wilde Professor Schulbauer nur meine Leistung gelten hat lassen und nicht die von dem, von mir bewunderten Schauspieler, der die erste Besetzung gespielt hat. Er hat sich nur geärgert, dass ich so viel mit der Brille herumhantiert habe. Es waren so Kleinigkeiten in meinem Weg. Mir waren die Kleinigkeiten immer im Weg. Und dann war ich dort etabliert und habe mich während der Arbeit von dem Direktor mal so unwohl gefühlt, weil ich auch zu wenig Proben gekriegt hab. Und die wichtigen Szenen habe ich dann aus dem Hut spielen müssen, was wahrscheinlich mein Vorteil war. Aber aus diesem Urwald wollte ich weg und habe mir gedacht, Jus ist eh ganz lustig. Es gab da einen Professor,der hat so wahnsinnig lustig unterrichtet und da habe ich mich sehr wohlgefühlt und war natürlich sehr faul im Studium, weil ich im Theater zu tun hatte. Ich habe die erste Staatsprüfung gemacht gehabt und hab dem Papa gesagt: Du Papa ich ärger mich so im Seminar ich will nicht ein Leben lang diese Ärgernisse haben. Ich… Ich will Jurist werden. Worauf mein Vater blass geworden ist und gesagt hat: Bist du wahnsinnig! Ich freue mich so, dass du Theater spielst. Willst du ein Leben lang fader Jurist werden und ein unglücklicher Jurist? Du bist begabt und Du bleibst dabei. Wir haben gestritten und er hat mich gezwungen das Theater spielen nicht aufzugeben.

Also genau umgekehrt wie es normalerweise ist zwischen Eltern und Kindern, die eine sicheren Beruf ausüben sollen, nur ja nicht zum Theater gehen.

Genau umgekehrt wie im normalen Leben. Ich werde ihm das nie vergessen.

Das werden wir ihm auch nie vergessen, was wir für ein Glück gehabt haben. Aber es ist auch wirklich ungewöhnlich.

Ja, das ist ungewöhnlich. Ich habe dann im Nebengeleise des Theaters gespielt, das waren damals die Kellertheater, die man in New York auch Off Broadway nennt. Und in diesem Theater am Parkring haben wir uns getraut Warten auf Godot von Samuel Beckett zu spielen. Als erste in Österreich, weil sich die anderen Direktoren in die Hosen gemacht haben beim Lesen des Stückes, es als zu fad empfundne haben. Wir  haben eine enorme Besetzung zustande gebracht. Nämlich den  Kurt Sowinetz als Partner von mir, ich als Vladimir, der Günter Haenel  als Pozzo. Der Neuberg hat Regie geführt und ich habe sehr viel dreingeredet, so dass der Neuberg gesagt hat: ich komme jetzt eine Woche nicht, macht´s das fertig und ich schaue es mir dann wieder an.

Also damals hat der Regisseur schon gelauert im Hintergrund.

Im Hintergrund gelauert und… Der Neuberg kam dann und hatte die Größe uns zu loben und gut zu finden und wunderbar zu ergänzen. Der war kein Regisseur des Mittelarbeitens. Der konnte nur Lichter aufsetzen. Am Burgtheater ging das nicht. Bei uns ging das, uns war das wurscht, wenn der drei Tage nix redet, haben wir´s selber gemacht. Und dann hat er´s gefressen, das ist eine große Leistung.

Er war ein berühmter Regisseur, leider hat er Depressionen gehabt und…

Ja. Und hat dann auf das Fertige noch wunderbare Sachen draufgesetzt. Das war viel zu langsam zum Beispiel und das hat die Szene gerettet so ein Satz. Wir haben ihn als Regisseur behandelt. Und ihm geglaubt, dass wer was zu sagen hat und wenn er nichts sagt, dass ihm halt nichts einfällt. Und da haben wir halt sehr viel selber gemacht und ich habe darauf geachtet, dass das kein expressionistischer Text wird, sondern ein ganz natürlicher von zwei Personen, die auf jemanden warten.

Expressionistisch war´s ja nicht gemeint vom Beckett.

Nein.

Ihre  Schauspielerkariere wurde ja verfolgt in Österreich, nicht so sehr die die vielen Opernregien auf der ganzen Welt von Frankfurt bis New York und die vielen heute noch an der Wiener Staatsoper gespielten Inszenierungen, das sind die Inszenierungen die überhaupt am längsten gehalten haben in der Geschichte der Staatsoper.

Ja,  das liegt natürlich auch am Stück.

Nicht nur, aber normalerweise  wird dann meist aufgeräumt und eine neue Inszenierung wird geholt. Aber Sie sind wirklich auf der ganzen Welt tätig gewesen, und ein Schwerpunkt war New York. Was hat New York für Sie bedeutet?

New York hat mir so gefallen, weil es so bescheiden war. Ich bin in diese riesen Met hineingekommen, bekam eine Probe mit mit der Nilsson und dem Corelli. Also das waren die Bomben der Zeit. Die Nilsson hat mich übrigens vorgeschlagen. Tosca macht sie nur wenn der Schenk Regie führt, hat sie gesagt. Das habe ich erst nachher erfahren. Das wusste ich gar nicht. Und sie hat ja gewusst, dass sie nicht unbedingt eine Tosca ist … Der Schenk kann aus mir eine Tosca machen, sonst niemand. Ich habe das alles später erfahren, bin derartig rot geworden, wie ich diese Sätze gehört hab. Der Corelli galt als einer, der nicht gern probt. Er war der große Gott, er hat die tollste Stimme der Welt gehabt. Die lauteste und größte und er war wirklich ein erster Tenor. .. Il Tenore. Und war in einer Sphäre wo ihm keiner mehr was gesagt hat. In dieser Einsamkeit des hohen Gipfels. Und ich habe ihn behandelt wie einen Anfänger, einen Schauspieler. Und hab ihm gezeigt, wie er als Cavaradossi, als der Maler in der Rolle, Pinseln wäscht… Soll ich da stehen, wo? Hat er gefragt. Sag ich, setz dich doch. Setzen Sie sich einmal. Man redet dort du, das ist ja Englisch. Sit down. Where? Da auf den Kübel, dreh ihn um und setz dich. Auf einem Kübel ist er noch nie gesessen. Das hat man seinem Blick angesehen. Hat ihn umdreht und sich gesetzt. Hat gleich zum hoppeln angefangen wie ein dummer Bub. Und ich habe gesagt, ja, das ist gut mach das und dann wasch den Pinsel. Und dann schau auf das Bild hinauf und dann fang an zu Singen. Das hat ihm so gefallen… Facciamo un film, hat er gleich gesagt. Sí, senz altro, ohne weiters. Machen wir einen Film. Und er ist zu allen meinen Proben gekommen und der Direktor Bing, ein sehr lustiger, hochweiser Mann ist bei der dritten Probe dazu gekommen. Schauen ob der Corelli nicht ganz beinand ist, weil er zu so vielen Proben kommt. Corelli hatte dann wunderbare Kritiken als Schauspieler. Also die haben ihn entdeckt als Schauspieler.

Noch ein neues Talent entdeckt dazu

Wie soll ich mit der Nilsson spielen hat er gefragt. Wenn sie kommt in der ersten Szene gib ihr ein Busserl auf die Nase. Er ist so erschrocken wie beim Kübel. Aber der Nilsson? Ja wem denn? Ist ja deine Geliebte. Und die kam und er gibt ihr ganz verschreckt und schüchtern ein schnelles Busserl auf die Nase und hat geglaubt er kriegt a Watschn. Und sie hat so gelacht und sie wurden fast zu einem Liebespaar. Sie haben so neckisch  miteinander gespielt, dass man sie fast einbremsen musste. Die Nilsson hat so eine Freude gehabt. Ich konnte eigentlich zum ersten Mal mit einer Stimme Regie führen. Ich konnte von ihr Verlangen, dass sie singt wie ein Kind. Ich konnte von ihr verlangen, dass sie plötzlich wütend wird und fast wie ein Mann singt. Man konnte das alles von ihr verlangen und zu spielen gab es nicht so viel. Und dann lag sie auf der Erde und hat die Visitate-Arie begonnen mit dem Kopf, dem Gesicht auf der Erde. Einmal trug sie einen riesigen Brillantring. Sage ich: das ist aber ein schöner Klunker, den Sie da haben. Hat sie gesagt, das ist nur für die Probe.

Sie haben ja auch mit Anna Netrebko der heutigen Nummer Eins der Opernszene gearbeitet.

Das war natürlich ganz anders. Sie war von Anfang an ein Born des Übermuts.

Das war der Liebestrank von Donizetti, oder?

Es war der Liebestrank und er war der Malatesta und das große Duett hat damit begonnen. Sie waren ein pas de deux des Unfugs, weil sie sich so vorbereiten auf die Rache auch im Don Pasquale. Da hat sie ihm einen Kaffee zubereitet und dabei ein Spiegelei gemacht. Dann hat sie sich die Pfanne auf den Kopf gesetzt und da hab ich gesagt, ist das vielleicht nicht zu viel… Perhaps this is too stupid. Hat sie gesagt: No nothing is too stupid. Und wieder ganz ernst im Rigoletto, mit einer Ernsthaftigkeit diesen Hass auf den Alten gespielt und dann plötzlich hat das umgeschlagen in Mitleid . Der Dirigent hat gesagt, die spielen so intensiv, die schauen mich nie an. Die wird man nicht hören, wenn sie das alles nur in die Seite singt. Dann hat die Netrebko gesagt: Listen. Mich wird man hören. Und ist mit dem hohen Ton abgegangen nach hinten, hat den halben hohen Ton hinten gesungen. und gefragt: Hast ihn gehört. Und ich sage ja wunderbar. Ein unerschöpfliches, übermütiges und echtes Komödiantentum. Und auch mit  dieser Ernsthaftigkeit und nicht eine Sekunde jemand anderem was wegnehmen wollen, es war ein gewaltiges Geschenk.

Wie würden Sie Erfolg erklären, wie viele Prozente gibt es für Glück, Arbeit, Talent?

80% ist Glück.Aber 20% ist ganz wichtig. Und ohne die 20 % hat man auch kein Glück.

Also 20% Talent?

20% Wunder, Talent ist Wunder. Talent wächst, wenn man Glück hat oder verfällt, wenn man Pech hat. Auch da ist das Glück dahinter. Und man wird entweder bescheidener oder eitler. Man wird entweder umfassender oder eingeschränkter. Die große Gefahr ist, wenn man seine Erfolge kopiert. Und man nicht jedes Mal von Neuem anfängt, als wär´s nicht da gewesen. Und Theater. Es gibt einen Satz, der mir sehr gefällt: Theater muss immer ein bisschen anders sein und ist auch immer ein bisschen anders.

Als das Leben?

Als alles. Auch als Theater.

Wir wollen auch ein bisschen den Menschen hinter dem Theater, der Oper und der, des Auftritts des Publikumslieblings kennenlernen. Sie sind seit über 60 Jahren verheiratet. Das ist ja schon eine ganz erstaunliche Geschichte nicht nur für einen Künstler, sondern überhaupt für einen Menschen oder ein Paar. Woran liegt der Erfolg einer glücklichen Ehe?

Indem man jeden Tag wieder heiratet. Und jeden Tag dieselbe und die ein bisschen andere Frau heiratet und entdeckt. Und jedes Mal sich freut, dass was neu ist und was Altes an ihr ist. Und wenn sie wirklich alt wird, und das alte überhand nimmt, muss man sich in die vielen Herzigkeiten, Kindlichkeiten, Lieblichkeiten des Alters verlieben. Und das fast jeden Tag. Das Alter macht nicht kindisch, wie man spricht, es findet uns nur noch als wahre Kinder. Sagt der Goethe. Und wenn man dieser Ansicht ist, dann ist das Altwerden ein großer Spaß, eine große Freude und eine große Überraschung auch. Ich erlebe das jetzt gerade und da ist jede Stunde und jeder Blick ein, ein, ein… Ja, ein Juwel.

Aber man muss sich dessen auch bewusst sein…

Ein bisschen.

Nur ein bisschen?

Man muss sich nichts vornehmen. Es passiert. Wenn es die richtige Frau ist, ist es ganz leicht.

Aber da ist dann auch da Glück wieder dabei.

Ja.

Sie haben ja auch gekocht, kommt das aus der Familientradition?

Ja das kommt aus der Großmuttertradition. Das wurde total vererbt auf meine Mutter, auf meine Tanten auch. Das Talent zum Kochen hat italienische Wege und slowenische Wege eingeschlagen. Ein Schrapnell dieses Talents ist auf mich abgefeuert worden. Aber wirklich nur ein Schrapnell.

Was haben sie besonders gern gekocht ?

Gulasch und Risotto.

Und Palatschinken!

Palatschinken, ja, Palatschinken nur in meinem Gasthaus am Irrsee, bei der Johanna Enzinger, der Seewirtin.

Am Irrsee haben sie ja den Zweitwohnsitz, den Sommersitz so zu sagen, wie sind sie in diese schöne Gegend gekommen?

Glück, Glück. Wir wollten etwas in der Nähe von Wien, in der Nähe Alte Donau, so ein Nachmittagsurlaubsziel. Wo man einen halben Tag hinfahren kann. Da war in der Zeitung eine Annonce, dass am Irrsee der Campingplatz verkauft wird. Und die Renee, die wirklich die genialste Finderin von Häusern, Grundstücken und … Lösungen ist. Sie war die Löserin in meinem Leben. Löst alles. Und wenn sie jetzt krank ist, fehlt mir das derart, dass ich das gar nicht sagen kann. Aber…

Aber den Irrsee hat sie damals…

Hat sie damals gefunden. Und wir haben uns den Campingplatz mit dem Campinghaus darauf angeschaut, vollbesetzt. Es ist nicht sehr einladend einen vollbesetzten Campingplatz zu kaufen. Aber ein Prachtseegrund. Ein Teil davon im Wald, ein Teil davon abgelegen. Und ein Teil davon sich öffnend gegen den See. Das Haus solide, aber unwirtlich. Und ich habe gefragt, was es kostet. Ich will diese Zahlen nicht mehr nennen und ich habe sie auch verdrängt. Und hab gesagt das ist ausgeschlossen. Meine Frau hat gemeint, das einzige, was möglich wäre… und nannte die Hälfte. Eigentlich nein. Das heißt nur, wenn sie gar niemanden finden,dann würden wir für diese Summe weich werden, obwohl wir es nicht kaufen wollen. Auch ein sehr gescheiter Satz. Und wir sind weg,  das sind wir los. Es ist eh ein Campingplatz, den hätte man sogar weiterführen dürfen. Stellen sse sich uns als Campingwirte vor mit sechs Operninszenierungen im Jahr. Dann kriegen einen Anruf: Er macht`s. Die Pause war furchtbar lang. Hallo, sind Sie noch da? Ja. Einr heiseres Ja unsrerseits. Ja, also gut. Jetzt haben wir einen Campingplatz gehabt mit einem Haus, mit einem Geschäft darauf. Und voll mit Campingzeltern. Da war noch in diesem Sommer Camping, im nächsten Jahr war kein Camping mehr. Und ein Haus und eine Straße rund herum. Ein riesiges Pissoir. Und ein Geschäft ein kleines, das unverwendbar war. Und eine riesige Terrasse. Das hatten wir dann. Der Irrsee war insofern ganz nett, weil der Eberhard Waechter dort war mit allen seinen Kindern. Der Heini Schweiger war dort. In der Nähe war der… Mundl.

Der Karl Merkatz.

Dann haben wir einen Architekten geholt.

Habt Ihr alles abreißen lassen, alles?

Nein, nein. Das Haus haben wir nicht abgerissen, sondern eigentlich erhalten ohne dass es so ausschaut. Wir haben total umgebaut. Zwei Räume erhalten. Aus dem Pissoir eine Wohnung. Eigentlich mehr verschönt als abgerissen. Und zwei Jahre gebaut daran.

Und jetzt ist es ein Paradies. Sind Sie eigentlich ein Sammler?

Ich bin ein Sammler, ja. Von Vasen, aber das hat aufgehört, weil jede Fläche in unserer Wohnung voll ist von Vasen.

Wir sitzen hier in Ihrer Bibliothek. Und es gibt auch eine ganze Fülle von Büchern. Gibt es da eine bestimmte Ordnung?

Ja, es gibt eine Ordnung. Unten  sind die Lexika und Sachbücher. Dort wo man den Autor nicht weiß, sondern wo die Sache wichtig ist. Und dann ist es nach Ländern eingeteilt. Englisch, Deutsch, Wienerisch, Österreichisch. Innerhalb sind die Bücher  nach Sterbedaten der Autoren geordnet.

Aber da muss man sich schon auskennen, um was zu finden.

Dafür gibt’s ein Lexikon, diese Ordnung hat ein Freund Gerhard gemacht. Und seit es diese Ordnung gibt, finde ich überhaupt kein Buch mehr.

Sind Sie ein Leser?

Ja, ein Nascher. Aber leider sind meine Augen jetzt schlecht.

Gibt es Autoren, die sie immer wieder gelesen haben, beziehungsweise die sie begleitet haben durchs Leben?

Thomas Mann. Rilke. Ich bin vor allem ein Lyrikleser.

Ihre Leseabende sind immer ausverkauft, nach wie vor. Strengt Sie das Lesen jetzt an?

Es ist nicht unanstrengend. Aber es gibt Adrenalinreserven, ich komme todmüde an, die letzten Schritte gehe ich gesund, als Komödiant, dann setze ich mich hin und bin zwei Sekunden schwindelig und dann fange ich an. Kann manche Sachen auswendig, aber das meiste… Ich bin kein Verehrer vom auswendig hinsagen, ich finde man soll einen Dichter vermitteln und nicht so tun, als wäre man der Dichter.

Was ist der Unterschied zwischen spielen und zu lesen?

Das Lesen wendet sich sofort an das Publikum. Man sendet, man schaut sie an oder hofft, dass sie einem zuhören. Und man kann´s nicht für sich behalten. Es muss der erste Satz schon so sein, dass jeder zuhört. Es gibt einen Ton, den hat man als Erzähler oder Lyrikvorleser. Ich kanns nicht anders sagen. Am Nachmittag. Wenn ich sage am Nachmittag, dann meine ich es kann nicht anders sein, es war am Nachmittag. Und man zählt die Details auf. Es ist ja sehr detailliert das Geschriebene. Detaillierter als das Gesprochene. Aber die Details sind dazu da, dass man glaubhaft wird. Man erzählt Details, damit man dem, der´s erzählt glaubt. Sagt man,  ein sonnenheller Tag, geht es nicht um den sonnenhellen Tag,  sondern es ist ein Argument, dass die Geschichte wahr ist.

Wenn sie die Wahl hätten Musik oder Sprechtheater, wofür würden Sie sich entscheiden ?

Musik. Aber heute würde ich gar nicht mehr Inszenieren.

Gibt es einen Komponisten, den sie besonders gern inszeniert haben und warum?

Da bin ich charakterlos. Das wechselt charakterlos: Ich konnte mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass ich gern Mozart inszeniere. Und bin Cosi van tutte mit Haut und Haar verfallen..

Ein besonderes Werk ist der Ring des Nibelungen, den sie in New York mit riesigen Erfolg inszeniert haben.

Ja, das war wirklich ein Glück, ein ganzer Buschen von Glücksfällen. Wagner hat alles, er hat uninszenierbare Stellen, über die man mit Musik hinweggeht oder Gott sei Dank nichts versteht oder im Rausch ist und weiterfühlt. Er hat die menschlichsten Szenen, die es überhaupt in der Oper gibt. Zwischen Vater und Tochter. Die erotischen Szenen, Liebesszenen bis zum Wahnsinn. Komische Szenen, peinliche Szenen. Alles das hat er ununterbrochen und damit überschüttet er dich beim Regieführen und vieles kannst du nicht inszenieren. Und vieles inszeniert du als wenn es ein ganz einfaches Stück wär. Und vieles schenkt sich dir durch die Musik. Erzählungen kann keiner so wie er vertonen.

Lieber Herr Schenk, Ihr Sohn ist ja auch Künstler geworden. Wie tauschen Sie sich aus in Ihren Tätigkeiten oder holt er sich Rat bei Ihnen? Wie haben Sie seinen Weg begleitet?

Wir haben eine Zeit lang einander begleitet, aber ich finde, es ist viel besser, wenn er ganz allein und ohne mein Zutun eine neue Welt kreiert. Und das macht er jetzt im Stöckl, das ist ein Gasthaus, das er auch führt, zusammen mit seiner Gefährtin Tamara Troiano, die dort blendende Auftritte hat und mit Essen kombiniert in einer genialen Weise und mit riesigem Erfolg. Und da bin ich ganz stolz, dass eine andere Welt erblüht aus seinem Talent.

Wobei ja das Kulinarische auch in den Genen liegt, nicht?

Ja und das bedient er, in einem ein herrlichen Gasthaus im Schloss, direkt im Schloss Schönbrunn.

Und auch dort wird sicher Ihr Geburtstag gefeiert werden, Wie auch wir ihn feiern werden mit große, großer Zuneigung und Dankbarkeit für unendlich viele wunderbare Stunden und Abende.

Lieber Herr Schenk, ich danke Ihnen für das Gespräch.